Doh, M. (2001). Als der Fußball laufen lernte - Das Für und Wider einer englischen Sportart aus Sicht von Konrad Koch und Carl Planck. In H. Wieland (Hrsg.), Fussball - Strategien des Siegens. (S. 23-33).

       


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Michael Doh:
Als der Fußball laufen lernte - Das Für und Wider einer englischen Sportart aus Sicht von Konrad Koch und Carl Planck

'König' Fußball hatte es vor der Wende zum 20. Jahrhundert noch sehr schwer, in Deutschland 'Fuß zu fassen'. Vor allem von Seiten der gesellschaftlich einflußreichen Turner wurden große Vorbehalte gegenüber dieser neuen Sportart geäußert. Denn das Bewegungsspiel aus England entsprach nicht deren Norm- und Zielvorstellungen von Körperertüchtigung, wie sie es vom Turngründer Jahn übernommen haben.
Als der revolutionär gesonnene Nationalist Friedrich Ludwig Jahn um 1810 Übungen zur Turnkunst zusammenstellte, wollte er einen Beitrag zur Befreiung der deutschen Teilstaaten aus napoleonischer Fremdherrschaft leisten. In der Bevölkerung herrschten Hunger und Armut, und auch an den Schulen beklagte man Sittenverfall und Verrohung (Hopf, 1994, S.56f.). So entwickelte Jahn anfangs Turnspiele, um die Schüler von Prügeleien abzuhalten. Aber weit mehr verfolgte er damit pädagogische Prinzipien und Regeln einer Körperkultur, die der Formung und Festigung des Körpers und des Geistes dienen, und letztlich eine nationale Identität fördern sollte.
Deutsches Turnen beinhaltete damals nicht nur Geräte- und Bodenturnen, sondern auch Laufen, Springen, Klettern, Werfen und Wandern. Jahn ging es dabei um die Lust am Laufen, an Bewegung und nicht um Schnelligkeit; um ein Miteinander und gegenseitige Rücksichtnahme und nicht um Wettkampf; um Vielseitigkeit und schöne Haltung und nicht um einseitige Spezialisierung; um 'Maß halten' und nicht um Leistung und Rekord. So gab es z.B. in den Laufdisziplinen keinen einzelnen Sieger, sondern die besten drei wurden zu Siegern erklärt. Beim Weit- und Hochsprung wurden die Weiten in Relation zu den Körpermaßen des Turners gesetzt; es ging nicht um den besten Sprung, sondern um den besten Springer (Eichberg / Hopf, 1982, S.67).
Jahn wollte zudem die Jugendlichen politisch emanzipieren, indem er demokratische Organisationsformen beim Turnen einführte. So konnten z.B. die Schüler zur Selbstregulierung und Eigenverantwortung einen Turnrat wählen und einen Vorturner bestimmen. Diese Reformbestrebungen richteten sich gegen den Staat und den deutschen Adel. In der Folge wurde Jahn 1819 verhaftet und das Turnen bis in die 40er Jahre in den meisten deutschen Staaten verboten.
Erst mit der Überwindung der Teilstaaterei und der Entstehung eines deutschen Reiches 1871 wurden diese Erziehungsideale aus national-konservativen Kreisen wiederbelebt. Neben diesen Prinzipien wurden nun der Drill und die Haltung stärker betont. Als gegen Ende des Jahrhunderts englische Sportarten wie Fußball oder Leichtathletik aufkamen, sahen traditionell eingestellte Pädagogen und Turner zunehmend ihre spezielle Form von Körperkultur in Gefahr. Denn Sport galt als etwas Fremdländisches, das Wettkampfstreben, Spezialisierung und Individualismus als negative Folgen hervorbringe und in seiner schlimmsten Form den einseitig trainierten und profitorientierten Berufssportler. Fußball wurde daher als englische Unsitte abgelehnt.
Als ein Repräsentant solch einer traditionellen Sichtweise kann der Stuttgarter Turnlehrer Karl Planck gelten. Seine polemischen Ausführungen zur 'Modeerscheinung' Fußball erschienen 1898 in einer etwa 20 Seiten umfassenden Schrift mit dem programmatischen Titel "Fusslümmelei. Über Stauchballspiel und englische Krankheit". Hieraus exemplarisch einige Auszüge, die diese Vorurteile und Vorbehalte illustrieren. Zunächst eine Beschreibung der äußeren Form des Fußballspielens, in der u.a. das Balltreten mit einem gemeinen Hundstritt verglichen wird:

"Was bedeutet aber der Fußtritt in aller Welt? Doch wohl, daß der Gegenstand, die Person nicht wert sei, daß auch nur die Hand um ihretwillen rührte. Er ist ein Zeichen der Wegwerfung, des Ekels, des Abscheus. So wurde und wird er immer und überall verstanden, wenn er ohne Not angewendet wird. wer´s nicht glaubt, kann ja in Betschuanaland, in Hinterindien oder bei den Botokuden die Probe darauf machen. Der Lappländer wäre gewiß erst zu finden, der einen Fußstoß ans Schienbein für eine Schmeichelei und einen Tritt unters Gesäß für eine Ehrenerzeugung hielte. Und nun eine solche Bethätigungsform planmäßig, schulmäßig, selbst aus höheren Gründen der Geschmacks- und Willensbildung zum Gegenstand der Lieblingserholung, ja der ernsteren Leibes- und Geisteserziehung zu machen, - in der That, ist das nicht recht eigentümlich?
Zunächst ist jede Bewegung ja schon, auf die bloße Form hin angesehen, häßlich. Das Einsinken des Standbeins ins Knie, die Wölbung des Schnitzbuckels, das tierische Vorstrecken des Kinns erniedrigt den Menschen zum Affen, selbst wenn die Haltung nicht den Grad abstoßender Häßlichkeit erreicht, den uns unser Titelbild versinnlicht" (S. 6f.).
"Es läßt sich nun eben einmal die Frage nicht unterdrücken: Verdient denn der Gegenstand, der hier so herumgepufft wird, eigentlich eine solche Behandlung? Es kommt ja manchmal vor, daß ich einen Gegenstand, der mir ungeschickt in die Quere kommt, mit dem Fuße wegschieben oder wegpuffen muß. Das hat dann aber seinen Grund darin, daß ich die Hand nicht frei habe oder mich zu beschädigen oder zu beschmutzen fürchten muß. Einen eigentlichen Hundstritt werde ich aber selbst dann aus guten Gründen kaum anwenden. Gilt aber der Hundstritt einem schofeln [gemeinen] 'Subjekt', so vergißt man über der Gemeinheit des 'Subjekts' allenfalls, daß die Bewegung, die ihm gilt, eigentlich selbst auch schofel ist. Doch überläßt man auch in dem Fall die Ausführung lieber den dafür bezahlten Hausknecht oder vollzieht man sie nur moralisch. Ein 'Objekt' dagegen ist überhaupt nie so gemein, daß es eine solche Behandlung verdiente, und die Gemeinheit bleibt schließlich am 'behandelnden' 'Subjekt' 4 hängen. Und das ist nun allerdings meine Ansicht über das Fußballspiel: Die unterscheidende Bewegungsform des Spieles ist an sich gemein" (S.7f.).

Des weiteren spricht Planck dem Fußball nicht nur jeglichen pädagogischen Nutzen ab, er sieht in ihm sogar die Gefahr der Verrohung:

"Ich habe nun einmal das Gefühl, daß die spielförmige, erzieherisch planmäßige Schulung des Hundstritts nicht nur einen schlechten Geschmack verrate, sondern auch schließlich verrohen müsse, während die Gegner zum mindesten in dem Spiel als Ganzen nicht nur ein vortreffliches Bildungsmittel für den Leib erblicken, sondern auch eine Veredlung des Geschmacks und der Sitte davon erwarten. Würden sie es anders empfehlen? Wer hat nun recht?" (S.8).

"Unser 'tintenklecksendes Säkulum' hat auch auf dem Gebiet der Leibesübungen Dinge gezeitigt, die zu dem Lächerlichsten und Abgeschmacktesten gehören, was schreibselige Gedankenlosigkeit je hervorgebracht hat. Hätte aber vor etlichen Jahrzehnten noch ein solcher biederer Turnmeister in allem Ernst die Forderung gestellt, auch der Hundstritt müsse kunstgerecht geübt und der Sieger darin mit hohen Preisen ausgezeichnet werden, man hätte den Guten wohl ohne viele Umstände einfach ins Irrenhaus gesteckt. Kommt nun aber so ein Engländer daher, in dessen Gesicht jede Fiber nach 'boxing' und jede Ader nach 'kicking' schreit, so ist das, was eben noch närrisch schien, 'wonderful, marvellous, 'prodigious' und wird flugs 'importiert'. Längst schon ist es bei unsern Fußballklubs üblich geworden, besondere Wettspiele im 'Fußballweitund –zielstoßen' vorzunehmen. Nachdem die deutsche Turnerschaft dem Zug der Zeit folgend, den Fußball unter ihre Wettspiele gleichfalls aufgenommen hat, ist es nur folgerichtig, wenn auch das Fußballweit- und -zielstoßen unter die 'volkstümlichen' Wettübungen1 aufgenommen werden soll. Hörst du wohl? Unter die 'volkstümlichen' Übungen soll es aufgenommen werden. So sicher 5 fühlt man sich also schon in der Wertschätzung dieses 'Bildungsmittels', daß es mir nichts dir nichts unserem 'Volkstum' eingeimpft werden soll. Da wollen wir denn doch auch noch ein Wort mitsprechen. Unsereiner erlaubt sich also nicht nur die Errungenschaft englischen Aftersports, sondern auch das Fußballspiel selbst nicht nur gemein, sondern auch lächerlich, häßlich und widernatürlich zu finden. Am allerunnatürlichsten ist das ob seiner angeblich geringeren Gefährlichkeit vielgepriesene und bei uns fast allein geübte Fußballspiel ohne Aufheben des Balls, deutsch: 'association'" (S.9f.).

“Verjage die Willkür, heißt es dort [Schillers 15. Brief über die ästhetische Erziehung des Menschen], die Frivolität, die Rohigkeit aus ihrer Vergnügung, so wirst du sie unvermerkt auch aus ihren Handlungen, endlich aus ihren Gesinnungen verbannen”. Wenden wir dieses Wort auch auf unser Stauchballspiel im besonderen an! 'Willkürlich' ist es, weil es gegen die natürliche Ordnung verstößt, 'frivol', weil diese Ordnung der Natur heilig ist, und 'roh', weil es nicht nur eine gewisse Rohigkeit des Geschmacks verrät, sondern leicht auch zur Roheit der Gesinnung führt. Gar auch noch 'frivol' soll also das Fußballspiel sein? In der That, es wird wohl nicht wenige recht seltsam berühren, wenn hier im Ernst die Frage aufgeworfen wird: Ist es recht, fortgesetzt ohne Not einen Gebrauch von einem Gliede zu machen, zu dem es nun einmal nicht angelegt ist?" (S. 16).

"Frivolität und Roheit gehen leicht Hand in Hand. Aber daß das Fußballspiel in besonderer Weise auch noch die Gefahr der Verrohung mit sich führe, wäre im einzelnen erst nachzuweisen. Es kommt bei gesunder Jugend zuweilen vor und ist gewiß noch kein Zeichen von Verderbtheit, wenn bei der Hartnäckigkeit, mit der hier oft den klarsten Gründen Trotz geboten wird, schließlich beide Teile handgreiflich werden. Leider liegt nun aber die Sache keineswegs so, daß der 6 größeren Kraftentwicklung immer auch das bessere Recht entspräche, und selbst wo das der Fall ist, ist die Gelegenheit, es anzuerkennen, dadurch beim Gegner gewiß nicht größer geworden. Also helfe, was helfen mag! Wozu hat der Junge seit Wochen, Monden, Jahren sich im Stauchballspiel geübt, ja sich im 'association' die Hände und Fäuste geradezu verbieten lassen? Unversehens fahren ihm nun seine Stoßbeine - an das Schienbein des Gegners, und aus der Roheit des Geschmacks entspringt die Roheit der Gesinnung!" (S.16f.).

"Aber auch im Spiele selbst ist die Gefahr der Verrohung nicht gering. Der mit schwerem Schuhzeug bewehrte Fuß - in Lackschuhen spielt man einmal nicht Fußball, so wenig wie barfuß - ist keine unbedenkliche Waffe. Nun ließe sich vielleicht durch einen raschen Stoß eine mögliche Niederlage abwenden, ein Erfolg erringen. Aber der Gegner ist schon so nahe, daß er - niemand kann das so sicher wissen - möglicherweise den Stoß abkriegt, der dem Ball zugedacht war. Der Rücksichtsvolle hält nun zurück, weil ihm der mögliche Gewinn durch ein mögliches Unglück zu hoch erkauft erscheint, und das Spiel verliert für ihn den Reiz. Der Rücksichtslose aber stößt zu und ist so doppelt im Vorteil: einmal durch die Zurückhaltung des andern, der einen möglichen Erfolg schwinden läßt, weil ihm der Einsatz zu hoch erscheint, und dann durch die eigene Rücksichtslosigkeit, die auf den Erfolg ausgeht, sei's auch auf die Gefahr hin, den anderen tödlich oder doch schwer zu verletzen. Durch beides wird Roheit Trumpf! Und doch ist hier noch der günstigste Fall angenommen, daß eine Verletzung des Gegners nicht beabsichtigt wird. Ein in sich gefestigter Charakter wird nun freilich ohne Einbuße und Gefahr für sich selber sich dem verhängnisvollen Einfluß eines zunächst ästhetisch betrachtet rohen Spieles aussetzen können. Und darin liegt auch die Erklärung für die auffällige Thatsache, daß so viele höchst ehrenwerte Männer sich mit einer Begeisterung und Hingebung, die einer besseren Sache wert wäre, für das Spiel ins Zeug legen. Nun soll aber vor allem die noch schwankende, bildsame, 7 für alles Gute, aber doch wohl mindestens ebenso sehr für alles Böse empfängliche Jugend, soll nicht nur der gegen Verführung gefestigte Teil, sondern überhaupt alles Volk an diesem Spiel teilnehmen, soll es zu einer allgemeinen Volksbelustigung, zu einem volkstümlichen Erholungsmittel werden" (S.17f.).

In der Folge verweist er auf die gesundheitlichen und sogar lebensgefährlichen Risiken und Schäden, die das Fußballspielen in sich trägt und warnt schlußfolgernd das deutsche Volk vor dieser Sportart:

"Wenn man aber solche Ziele im Auge hat, so gilt es, doppelt und dreifach vorsichtig zu sein. Wir stehen noch im Anfang der Erscheinung. Das Spiel ist noch nicht so eingebürgert, obwohl bei der Jugend schon weit mehr, als man glaubt. Darum sehen wir dorthin, wo man schon mehr Erfahrungen gesammelt hat. Die Todesfälle, die durch das Spiel in England allein schon herbeigeführt worden sind, und zwar zumeist “durch Fußtritte an den Unterleib, die Magengrube, gegen das Rückgrat oder gegen den Kopf”, zählen allein schon nach Hunderten, wenn nicht nach Tausenden, ganz abgesehen von den übrigen Verletzungen vorübergehender und bleibender Art. Nach dem 'Brit. Med. Journ.' ist die Wahrscheinlichkeit eines Unglücks beim Fußball 18mal größer, als wenn man reitet, und 20mal größer, als wenn man 'Gymnastik' treibt. Auf den Spielplätzen in Amerika, wo der sportmäßige Betrieb, der auf Sieg um jeden Preis ausgeht, noch stärker ausgebildet ist, ist die Sache noch schlimmer, obwohl die Spieler schon mit ganzen Fußballausrüstungen, Gummiringen, Binden, Polstern usw. ausgestattet sind. Kein Wunder, daß hier gegen so 'groben Unfug' bereits gesetzgeberische Maßnahmen in Aussicht genommen sind! Und ein solches Spiel soll für unser deutsches Volk wünschenswert, ja notwendig sein?" (S.18f.).

"Darum, du deutsches Volk, das du heute mit dem Schweiß deines Angesichtes den Boden düngst, aus dem dir eine Saat des Rechtes und der menschlich hohen Gesittung ersprießen soll, die Augen auf, damit dir nicht irgend ein liebreicher Nachbar oder die eigene ungeschickte Hand das Unkraut unter den Weizen mische! Wer sich aber durch das üppigere Wachstum des einen, die Unscheinbarkeit und langsame Entwicklung des andern täuschen läßt, der mache die Erfahrung, die er vermeiden konnte: daß es nämlich Nesseln gibt, die wie spanische Pfeffer brennen" (S.21).

Es wundert nicht, daß es noch Jahrzehnte dauerte, bis die Vorbehalte fielen, und das Fußballspiel als akzeptable Körperertüchtigung auch von der großen Gemeinde der Turner angenommen wurde. Turnvereine schlossen bis dahin mitunter Mitglieder aus, die Fußball spielten, und viele Schulen verboten das Spiel unter Strafandrohung. Interessierte - zumeist Schüler - spielten heimlich Fußball und gründeten selbständig Vereine.

Als ein Wegbereiter und Pionier des deutschen Fußballs gilt ohne Zweifel der Braunschweiger Pädagoge Konrad Koch (1856-1911). Obwohl er selber ein Turner war und den Zielen und Werten des Turnspiels näher stand als denen des Sports, sah er in den verschiedenen Formen des Fußballspiels ein ausgezeichnetes erzieherisches und körperbildendes Mittel. Hintergrund war, daß er neben den jüngeren Schülern auch die älteren zum Sporttreiben animieren wollte, die vornehmlich den trinkfreudigen Sitten der Studentenverbindungen nachgingen.

Denn Burschenschaften mit ihrem streng hierarchischen, militarisierten und nationalistischen Verhaltenskodex (Kleiderordnung, Ränge, Fechten, Trinkriten) prägten damals zunehmend das gesellschaftliche Leben junger Leute. Die einstmals freiheitlich-nationalen und demokratischen Bestrebungen der Turner und Burschenschaften gingen nach der verlorenen Revolution von 1848 zurück, und die bürgerliche Emanzipationsbewegung, die sich auch gegen den deutschen Adel richtete, zerfiel mit der Reichsgründung von 1871. Statt dessen paßte sich das Bürgertum an die Werte des Adels mit seinen Auffassungen von Staat, Herrschaft, Ehre und Pflicht an, in der Folge entstanden immer mehr Studenten- und Schülerverbindungen ('Feudalisierung des Bürgertums') (Hopf, 1994, S.63). Mit dem Fechten und den schlagenden Verbindungen fand eine „'Militarisierung' des Turnens“ (ebd.) statt, das 9 Interesse am klassischen Turnen ließ dagegen nach und wurde zunehmend eine Angelegenheit junger Schüler.

Koch sah in dieser Entwicklung eine Gefahr für die 'Volkswohlfahrt'. Als Alternative versuchte er insbesondere die gemäßigtere Variante, das 'Fußballspiel ohne Aufheben' (association football), bekannt zu machen und in den Schulsport zu integrieren. 1872 führte er in seiner Schule Pflichtspiel-Nachmittage ein, zwei Jahre später entstanden die ersten Fußballspiele. Doch auch in Braunschweig blieb bis in die 90er Jahre Fußball zuvorderst ein Schulspiel der Gymnasiasten. Erst 1895 wurde mit der "Eintracht" der erste Fußballverein von Erwachsenen gegründet.

Neben der Bemühung, Fußball unter seinen Schülern einzuführen, war Koch bestrebt, diese Sportart allgemein bekannt und gesellschaftsfähig zu machen. Dazu mußte er in seinen publizistischen Arbeiten sensibel und geradezu diplomatisch gegen die beschriebenen Vorurteile der Turner vorgehen. So versuchte er mit teilweise zweifelhaften geschichtswissenschaftlichen Argumenten die englische Herkunft des Fußballs zu bestreiten, wie man anhand seines Buches „Die Geschichte des Fußballs im Altertum und in der Neuzeit“ von 1895 aufzeigen kann. Darin beschreibt er ausführlich eine über 2000jährige Entstehungsgeschichte von Ballspielen als natürlichen Prozeß von Hochkulturen, angefangen bei den Griechen, über die Römer, die Italiener in der Renaissance und letztlich den Engländern in der Neuzeit:

"Fußball ist, wie schließlich die meißten guten Spiele, nicht auf ein Volk beschränkt geblieben, sondern international. Wie z.B. das Schachspiel, hat unser Spiel einen weit in der Geschichte zurückliegenden Anfang; am Ende des Mittelalters hat es sich schon einmal über einen großen Teil Europas verbreitet gehabt und ist danach wieder auf etwa drei Jahrhunderte so gut wie ganz vergessen, um in unseren Tagen eine fröhliche Auferstehung zu feiern. Daß in England sich die Überreste des alten Spiellebens durch die drei Jahrhunderte hindurch kräftiger erhalten haben als anderswo, erklärt sich aus der bekannten Eigenart der Engländer, die sie ihrer insulanen Abgeschlossenheit verdanken, am Alten zähe festzuhalten. Weshalb sich dann heutzutage das Spiel dort zuerst am kräftigsten entwickelt und am schnellsten allgemein verbreitet hat, ist schon 10 oben erklärt; es haben sich dort die Übelstände, die das Anschwellen der großen Städte durch Großhandel und Großindustrie für das Volksleben herbeiführt, in ihren verderblichen Folgen eher bemerkbar gemacht, und man hat deshalb dort auch eher zu Gegenmaßregeln gegriffen. Wenn wir also das Spiel von England nach Deutschland herübernehmen, so werden wir damit das Rechte zu thun hoffen können. Wir müssen uns dabei bewußt sein, daß es keineswegs sich darum handelt, etwas eigenartig Englisches zu übernehmen, und werden uns hüten müssen, gewisse Eigentümlichkeiten, die das Spiel drüben angenommen hat, auf jeden Fall sklavisch nachzumachen. Wer z.B. den Fußball von englischen Sportsmännern hat vorführen sehen und ihn nun nach diesem Muster unserer Schuljugend einüben wollte, würde damit ganz gewiß thöricht handeln, gerechten Anstoß erregen und nur Mißerfolge zu verzeichnen haben. Immerhin dürfen wir überzeugt sein, daß das Spiel in Deutschland bald ein unserem Volke entsprechendes Gepräge erhalten wird, und daß die Spielleiter, soviel an ihnen ist, alles Undeutsche fernzuhalten bestrebt sein werden" (1895a, S.7).

Hintergrund dieser Geschichtsfälschung war der gegen Ende des 19. Jahrhunderts in Deutschland entstehende Imperialismus, der mit einem neu erstarkten Nationalismus einherging. Dieser richtete sich insbesondere gegen die führende Weltmacht England. Gleichzeitig hatte England durch die Industrialisierung und den damit verbundenen gesellschaftlichen Modernisierungsprozessen eine Vorbildfunktion (vgl. Hopf, 1983, S.49). Daher versuchte Koch einerseits die englische Herkunft des Spiels anzuzweifeln, andererseits wollte er die Popularität des Spiels als natürlichen und notwendigen Reflex zur Volksgesundung verstanden wissen.

Er führte folglich deutsche Kunstausdrücke des Fußballspiels ein, wie 'Fußball ohne Aufnehmen' für 'association football', 'Fußball mit Aufnehmen' für 'Rugby', 'Tor/Mal' für 'goal' oder 'Kapitän/Spielkaiser' für 'captain'. Hierzu ein Auszug aus seinem 1894 für die 'Deutsche Turner-Zeitung' verfaßten Artikel "Wie kann Fußball ein deutsches Spiel werden":

"Kapitän ist ein gut deutsches Wort und entspricht dem beim italienischen Spiel üblichen Ausdrucke capitano. Der alten deutschen Sitte gemäß heißt freilich der 11 Leiter des Ballspiels einfach der Kaiser oder wie in Lion´s Katechismus der Bewegungsspiele, der Spielkaiser; deshalb glaube ich diesem Ausdrucke den Vorzug geben zu müssen" (1894, S.550).

Neben dieser Art von 'Eindeutschung' galt es als weiteres, den pädagogischen Wert des Fußballs für das Individuum und die Gesellschaft zu betonen. Dabei versuchte Koch geschickt die Werte- und Zielvorstellungen von Körperertüchtigung der Turner auf das Fußballspiel zu übertragen, indem er z.B. auf die 'sittliche Triebfeder' und den Nutzen der 'Volkswohlfahrt' hinweist:

"Die tief eingreifende Veränderung im Volksleben, die in unseren Tagen die Jugend und besonders die männliche wieder zu ihren eine Zeit lang anscheinend ganz vergessenen Belustigungen im Freien zurückkehren läßt, ist ersichtlich der Pflege keines anderen Spieles und keiner anderen Leibesübung in annähernd so hohem Grade zu gute gekommen, wie der des Fußballs" (1895b, S.88).

"Für den Kaufmann, der den Tag über an sein Pult geklemmt still gesessen hat, wie für den Fabrikarbeiter, der in oft engem Raume sein eintöniges Tagewerk hat verrichten müssen, vermag kein anderes Spiel das Verlangen nach energischer Bewegung, nach kräftiger Anregung und munterem Thun besser zu befriedigen, als der Fußball, bei dem die Lungen, die in der dumpfen Stadtluft nur matt und unvollständig eingeatmet haben, zur kräftigen Thätigkeit kommen, gehörig ausgelüftet und mit reiner Luft bis in die äußersten Spitzen und letzten Verästelungen vollgepumpt werden. Ebenso kennt der Schüler, der den Tag lang über seinen Büchern hat hocken müssen, keinen schöneren Genuß und keine bessere Erholung, als unser herrliches Spiel, das ihm seine Gewandheit und Kraft im vollem Maße zu entfalten Gelegenheit bietet, aber auch seiner Kampfeslust genugthut und ihn Mut und Entschlossenheit nicht weniger als Selbstzucht und Unterordnung bewähren läßt" (1895b, S.89).

"Wird es recht betrieben, so erzieht es wie kaum ein anderes, alle Teilnehmer zu einem mäßigen und sittenstrengen Leben. Eine 'sittliche Triebfeder' hat ein englischer Freund des Spiels hierin gefunden. Wir wollen hier seinen Wert nicht überschätzen; doch vor sittlicher und leiblicher Schlaffheit und Verweichlichung und vor allen den Fehlern und Lastern, die daraus so oft hervorgehen, wird schwerlich ein anderes Mittel die große Masse des Volkes so gut bewahren können, als unser Spiel, wenn es recht betrieben wird. und eins bleibt unbestreitbar: es ist das sicherste Mittel, Knaben, Jünglinge und junge Männer aller Bevölkerungsklassen, auch der arbeitenden, regelmäßig in ihrer freien Zeit aus ihren dunstigen Behausungen und Kneiplokalen in Gottes freie Natur hinauszulocken, ihnen den reichlichen Genuß frischer Luft zu verschaffen und sie an einfache und gesunde Vergnügungen zu gewöhnen. Möchten deshalb die Erzieher der Jugend und die Turner in Deutschland sich der Pflege des Spiels mit Eifer und Sorgfalt annehmen, auch dabei die Mitarbeit der sogenannten Sportsmänner, soweit diese den höheren Zwecken der Schule und der Turnerschaft nicht Eintrag thun, nicht schroff abweisen und verschmähen, aber ihrerseits kräftig und entscheidend in die Entwicklung unseres Spiels eingreifen! Dann wird Fußball sich auch zu einem deutschen Volksspiel und, so hoffen wir, sich auch in unserem Vaterlande zu einer großartigen Veranstaltung zum Zweck der Volkswohlfahrt entwickeln" (1895b, S.94f.).

"Der mächtige Einfluß, den das Turnen auf unser Volksleben schon gewonnen hat und hoffentlich immer mehr gewinnt, ist in der Beziehung am wertvollsten, daß es zur Erstarkung der Sittlichkeit in unserem leider zum Teil verweichlichten und erschlafften Geschlechte mitwirkt. 'Der Leib soll stark werden, um die Seele zu tragen, und die Seele muß stark sein, um den Leib Kraft zu geben'. Es ist gewißlich im Sinne Jahns, wenn so neben das Turnen zur Ergänzung das Spiel und vor allem der Fußball tritt, oder besser: unter die Turnübungen aufgenommen wird. Gerade dies Spiel erzieht wie kaum ein 13 anderes zu einem mäßigen und sittenreinen Leben, ohne welches das ganze Turnen hinfällig ist“ (1895a, S.44).

Letztlich beleuchten diese argumentativen Gegensätze zwischen Befürwortern und Widersachern des Fußballs, wie auch zwischen Sport und Turnen, den enormen Wandel der Werte-, Denk- und Verhaltensmuster, der durch die moderne Industrialisierung bevorstand. So gesehen, waren Turner die Hüter alter gesellschaftlicher Werte, während Reformer, wie Koch, mit ihren Bemühungen, englischen Sport einzuführen, als Ausdruck und Folge einer neu entstehenden Epoche gelten können, in der neue Leistungswerte wie Wettkampf und Rekordstreben maßgebend wurden. Die zunehmende Quantifizierung und Meßbarkeit von Leistung im Sport fand dabei eine Koinzidenz im wirtschaftlichen Bereich: „Sport und Gesellschaft, in der er sich abspielt, sind verbunden. Die Leistung im Sport und die Leistung im Arbeitsleben sind [ist] nicht zufällig begriffsgleich. Der Fortschritt der Rekordmarken und der Fortschritt des Bruttosozialprodukts folgen verwandten Denkmustern“ (Eichberg / Hopf, 1982, S.83). Die Grundlage für diesen gesellschaftlichen Wertewandel waren hierbei die im 17. Jahrhundert aufkommenden Naturwissenschaften mit ihren mathematischen und physikalischen Entdeckungen, die zu einer empirisch-mathematischen Weltsicht führten.

100 Jahre nach dem Disput um das Für und Wider des Fußballs hat diese Sportart in Deutschland eine solch rasante Entwicklung durchlaufen, daß sie heute als Inbegriff des modernen Sports steht. Keine andere Sportart hat solch eine enorme Präsenz und bedeutenden Stellenwert im gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Bereich erlangt, wie 'König' Fußball. Geradezu amüsant und antiquiert wirken daher auch die Schriften Konrad Kochs zu den Anfängen des Fußballs, als er zum Beispiel 1875 im Zusammenhang mit der Gründung eines Schülervereins - dem "Fußballverein der mittleren Classen des Martino-Catharineums zu Braunschweig" - das erste deutsche Regelbuch verfaßte und dabei folgende Empfehlungen und Gesundheitsvorschriften herausgab:

"1. Schwächliche und kränkliche Kinder werden nur mit ärztlicher Erlaubnis zugelassen.
2. Es wird niemals ohne Aufsicht eines Lehrers gespielt.
3. Bei unsicherem Wetter wird nur von Freiwilligen gespielt.
4. Es wird bei der Errichtung des Spielplatzes dafür Sorge getragen, daß kein Spieler gegen den Ostwind anzulaufen hat.
5. Auf dem Platz darf sich niemand hinlegen oder müßig stehen.
6. Kein Schüler darf ohne besondere Erlaubnis den Rock ablegen; die Erlaubnis hierzu wird nur dann erteilt, wenn die Schüler ein wollenes Hemd tragen.
7. Eine ärztliche Untersuchung ist vor Eintritt eines Mitglieds notwendig.
8. Wo die ärztliche Untersuchung unterlassen wurde, ist sie nachzuholen, sofern nach dem ersten Übungstage neben den üblichen Turnschmerzen noch Verdauungsstörungen, Atembeschwerden, Blutandrang und Schlaflosigkeit auftreten.
9. Man gehe nicht nach reichlich genossenem Mahl zum Spiel. Etwaigen Durst stille man nur mit Wasser.
10. Bei hoher Temperatur und heftigem, trockenem Wind (Richtung nebensächlich) soll nicht gespielt werden. Ruhige Kälte schadet nicht, hilft vielmehr abhärten.
11. Während des Spiels sei man leicht bekleidet, den Kopf halte man nach Möglichkeit unbedeckt.
12. Bei hohem Sonnenstand soll nicht gespielt werden, bei tiefem Sonnenstand spiele man tunlichst in nord-südlicher Richtung.
13. Man beginne mit mäßiger Anstrengung, steigere dieselbe allmählich und spiele nie bis zur Erschöpfung.
14. Weder während des Spiels, noch unmittelbar nach Beendigung desselben, darf gegessen oder getrunken werden" (zitiert nach Koppehel, 1954, S.13).

Literatur:
Eichberg, H. / Hopf, W.: Fußball zwischen deutschen Turnen und englischem Sport. In: C: Planck: Fusslümmelei. Über Stauchballspiel und englische Krankheit. Münster (Lit) 1982 Reprint (1898), 49-87.

Hopf, W.: Wie der Fußball nach Deutschland kam. In: K. Koch: Die Geschichte des Fußballs im Altertum und in der Neuzeit. Münster (Lit) 1983, 49-53.

Hopf, W.: „Wie konnte Fußball ein deutsches Spiel werden?“ In: W. Hopf (Hrsg.), Fussball. Soziologie und Sozialgeschichte einer populären Sportart. Münster, Hamburg (Lit) (1994), 54-80.

Koch, K.: Wie kann Fußball ein deutsches Spiel werden? In: Deutsche Turnzeitung (1894), 549-550.

Koch, K.: Die Geschichte des Fußballs im Altertum und in der Neuzeit. Münster (Lit) 1983 Reprint (1895a).

Koch, K.: Zur Geschichte des Fußballs. In: Jahrbuch für Volks- und Jugendspiele 4 (1895b) 88-96.

Koppehel, C.: Geschichte des Deutschen Fußballsports. Frankfurt (Limpert) 1954.

Planck, K.: Fusslümmelei. Über Stauchballspiel und englische Krankheit. Münster (Lit) 1982 Reprint (1898).

Fußnote 1: “Um ein gutes Drop kick stauchen zu können, heißt es da z.B., gehört offengestanden eine große Uebung und Ausdauer. Mag der Stauch 99mal mißlingen, nur nicht verzagt und frisch das 100. Mal probiert; vielleicht gelangt er dann”. Und das alles, um den Hundstritt zu erlernen. O du heilige Einfalt!


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Erschienen : 2001
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